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Forum » Prognosys-Wahlanalysen zur BTW-DE-2013 von Prof. Dr. Walter Mohr

Beitrag 1 bis 10 von 31 Beiträgen
ProfDrWalterMohr

Wahlbericht Nr.1 zur Bundestagswahl in Deutschland

Von ProfDrWalterMohr am 20.08.2013, 10:13 Uhr
#1

Prognosys-Master-Vote

Bei den letzten US-Wahlen erzielten insbesondere zwei Meta-Wahlprognosen, die die Vorhersagen einzelner Techniken kombinieren, hervorragende Ergebnisse. Im letzten Jahr hatte PollyVote im Vergleich mit dem späteren Endresultat mehrere Monate in Führung gelegen. Erst zwei Wochen vor dem Wahltermin verschlechterten sich die Prognosen und der schon legendäre, junge Statistiker Nate Silver übernahm mit seinem berühmten Blog FiftyThirtyEight in der New York Times die Führung.

PollyVote möchte seine Prognosequalität jetzt erstmalig außerhalb der USA bei der Bundestagswahl 2013 demonstrieren und hat sich mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu einer Forschungskooperation zusammengeschlossen. Auch das Institut prognosys in Handewitt befasst sich seit über 20 Jahren mit Wirtschaftsprognosen und hat seit 2000 Erfahrungen mit erfolgreichen Wahlbörsen.

Beide Methoden sind ähnlich aufgebaut, indem sie eine größere Zahl möglichst heterogener Verfahren miteinander kombinieren, weil diese Informationen über den Wahlausgang aus unterschiedlichen Daten gewinnen und damit auch abweichende Sichtweisen vertreten. Dabei kann man alle Verfahren gleich oder fast gleich gewichten. Im zweiten Fall werden möglichst homogene Teilgruppen gebildet, die untereinander aber deutlich differieren. Diese werden dann mit gleicher Gewichtung in die kombinierte Prognose eingebracht. Unterschiede zwischen PollyVote und Prognosys –Master-Vote ergeben sich durch die Anzahl der Teilgruppen und deren Besetzung. Ferner versucht prognosys, die Aktualität einer Einzelprognose und deren Güte bei früheren Wahlen mit heranzuziehen.

In einer Reihe von Studien hat sich gezeigt, dass sich die Qualität der kombinierten Prognose meist verbessert, wenn man die Anzahl der Methoden mit unterschiedlicher Vorgehensweise erhöht und wenn eine Situation mit hoher Unsicherheit vorliegt. Beide Voraussetzungen sind bei der Bundestagswahl 2013 erfüllt. Es werden mindestens 15 verschiedene Methoden verwendet. Andererseits ist die Unsicherheit durch das Auftreten neuer Parteien bei dieser Wahl besonders hoch. Da eine kombinierte Metaprognose Über- und Unterschätzungen einzelner Komponenten mittels Durchschnittsbildung ausgleicht, verringert sie das Risiko von starken Prognosefehlern bei einzelnen Parteien. Aus diesem Grunde ist zu erwarten, dass sie sich im Vergleich zu Einzelverfahren am Ende in der Spitzengruppe der Rangliste platziert.

Bei dem Ansatz von prognosys werden drei Untergruppen gebildet. Die erste enthält die Voraussagen von sieben Umfrageinstituten, die regelmäßig ihre Werte veröffentlichen. In der zweiten sind die vier wichtigsten Wahlbörsen zusammengestellt, während die dritte Gruppe gemischt ist. Dort befinden sich unter anderem Wahltipps, Wahlmodelle mit Erklärungsvariablen sowie Prognosen aus Nennungen von Parteien bei Twitter.

Alle Prognoseverfahren haben ausgeprägte Stärken und Schwächen, auf die an anderer Stelle noch im Detail eingegangen wird. Mit dieser hier geschilderten Vorgehensweise soll nicht nur eine leistungsstarke Kombinationsprognose erstellt werden. Es sollen auch Vergleiche der Prognosegüte innerhalb und zwischen den Gruppen durchgeführt werden. Man kann ferner sehen, welche Techniken stark vom Mittel abweichen oder bei welchen Parteien die höchsten Unsicherheiten bestehen. Andererseits soll auch analysiert werden, ob die Mediendominanz der Umfragen durch ihre Prognosequalität gerechtfertigt ist. So haben in den USA und Deutschland in den letzten Jahren die Wahlbörsen durchaus gleichwertig abgeschnitten.
ProfDrWalterMohr

Wahlbericht Nr.2 zur Bundestagswahl in Deutschland

Von ProfDrWalterMohr am 20.08.2013, 12:57 Uhr
#2

Prognosys-Master-Vote vom 20.8.2013

CDU38,5%
SPD24,4%
Grüne12,6%
Linke7,2%
FDP5,8%
AfD4,6%
Piraten3,2%
Sonstige3,7%

Der relativ hohe Wert von 4,6% für die AfD kommt durch zwei weit über dem Durchschnitt liegende Voraussagen zustande, und zwar von der Handelsblatt-Wahlbörse mit 17,5% und vom wahl-o-meter (Analyse von Twitterbeiträgen) mit 10,7%.

Der Median (das ist bei 15 Methoden der achte Wert in der größenmäßig geordneten Rangliste) beträgt hingegen für die AfD nur 2,9%.

Wenn man als Maße die Spannweite (Differenz zwischen höchster und niedrigster Prognose) und die relative Spannweite (Spannweite dividiert durch Mittelwert) verwendet, ergibt sich ein klares Bild. Dabei ist die relative Spannweite in Klammern angegeben.

AfD16,5% (3,9)
CDU9,3% (0,2)
SPD6,8% (0,3)
Grüne4,2% (0,3)
FDP2,7% (0,5)
Sonstige2,6% (0,7)
Piraten2,4% (0,8)
Linke2,0% (0,3)

Alle Parteien außer der AfD bewegen sich in normalen statistischen Grenzen. Erklärungen für die stark differierenden Einschätzungen der AfD sind die Unsicherheit beim Auftreten einer neuen Partei und die hohe Präsenz der AfD im Internet.

Alternativlos

RE: Prognosys-Wahlanalysen von Prof. Dr. Walter Mohr

Von Alternativlos am 20.08.2013, 13:31 Uhr
#3
Der AfD bleibt doch nix anderes übrig, als eine hohe Präsenz im Internet zu haben, da die öffentlichen Medien ja so gut wie nicht berichten - aus welchen Gründen auch immer.
Würde z.B. die Bild-Zeitung die AfD auf der ersten Seite öfters massiv (positiv) nennen, würde sich ruck-zuck das Meinungsbild ändern, somit dann auch die vielen Meinungsumfragen der Institute und somit dann auch gewisse Prognosemodelle - auch das von Prof.Dr.Walter Mohr

Alle Prognosen sind relativ und die Wähler halten sich nicht immer an die statistischen Grenzen...*g*
Zu oft hat man das inzwischen in der Vergangenheit erlebt.
ProfDrWalterMohr

Wahlbericht Nr.3 zur Bundestagswahl in Deutschland

Von ProfDrWalterMohr am 25.08.2013, 17:56 Uhr
#4

Prognosys-Master-Vote vom 23.8.2013

In der nachfolgenden Tabelle sind in der ersten Spalte die aktuellen Kombi-Prognosen von Prognosys-Master-Vote für den 23.8. angegeben. Dem sind in der zweiten Spalte die Durchschnittswerte der sieben Umfrageinstitute gegenübergestellt. Bei CDU und AfD sind deutliche Abweichungen festzustellen. In beiden Fällen gibt es einen leichten, statistisch nicht signifikanten Vorsprung für Schwarz/Gelb.

CDU38,8%40,3%
SPD24,2%24,4%
Grüne12,8%12,9%
Linke 7,4%8,0%
FDP 5,9%5,9%
AfD 4,3%2,1%
Piraten 3,0% 2,7%
Sonstige 3,6%3,7%

Sechs Umfrageinstitute sehen aktuell Schwarz/Gelb knapp bis deutlich (Forsa +4%) vorn. Nur INSA stört den Herdentrieb mit einem klaren Rückstand (-6%) für die Regierungskoalition. Diese relativ neue Institution gewinnt ihre Daten im Gegensatz zu den anderen mittels Internetbefragung. Ausführliche Dokumentationen sämtlicher Umfrageergebnisse findet man bei www.wahlrecht.de.

Bisher agieren die sechs älteren Institute fast im Gleichschritt, wenn man einmal von Forsa mit seiner permanenten Unterbewertung für die SPD absieht. Bei den meist wöchentlichen Aktualisierungen gibt es in etwa 90% der Fälle höchstens Abweichungen von 1% im Vergleich zum früheren Ergebnis. Bemerkenswert ist auch die Einigkeit innerhalb dieser Sechsergruppe. Für CDU und SPD betragen die Unterschiede bis 3%, bei Linken, Piraten, FDP und AfD jeweils 2% und bei den Grünen 1,5%. Vor einiger Zeit war die Übereinstimmung sogar noch größer. Es ist schon bemerkenswert, dass die AfD bisweilen nicht extra ausgewiesen wird.

Diese scheinbare Stabilität der Ergebnisse soll Solidität und Vertrauenswürdigkeit suggerieren. In den Leitmedien werden deshalb fast nur Umfrageergebnisse diskutiert. Dabei ist diese Konstanz künstlich erzeugt, worauf Prof. Ulmer (www.wahlprognosen-info.de) schon vor Jahren hingewiesen hat. Um das einzusehen, müssen wir kurz erläutern, wie die Endergebnisse zustande kommen. In der Regel wird eine Zufallsstichprobe von 1000 bis 2500 Festnetztelefonnummern ausgewählt und anschließend eine Befragung durchgeführt. Nur Allensbach arbeitet zum Teil noch face-to-face mit persönlichem Interview. Eine solche Vorgehensweise kann nicht repräsentativ sein, weil sie bei dieser Stichprobengröße keine Miniaturabbildung der Wahlbevölkerung hinsichtlich wahlrelevanter Merkmale wie Alter, Geschlecht, Region, Einkommen und anderen Variablen herstellen kann. Um dieser Verzerrung z.B. auch durch falsche Aussagen oder Nicht- Einbeziehung der reinen Handybenutzer entgegenzuwirken, setzen die Institute ihre sogenannten Gewichtungsformeln ein. Dabei sollen ebenfalls langfristige Überzeugungen oder taktisches Wählerverhalten berücksichtigt werden. Diese Bereinigung der Rohdaten aus der Stichprobe ist der eigentliche Knackpunkt, weil keines der Institute verrät, wie man es macht. Allerdings sind sie schon lange im Geschäft, und daher dürften diese Anpassungsalgorithmen relativ ähnlich sein. Weil rein statistisch die Bruttoergebnisse der Institute selbst bei gleichzeitiger Erhebung sehr unterschiedlich ausfallen müssten- durchaus in einer Größenordnung von 5% und mehr bei den großen Parteien-müssten auch die veröffentlichten Nettoergebnisse deutlicher voneinander abweichen. Dieses ist jedoch schon seit längerer Zeit nicht der Fall. Daher kann vermutet werden, dass sich die Institute ähnlich wie Mineralölfirmen aneinander ausrichten.

Bei dieser Wahl müssen die Umfrageinstitute beweisen, dass ihre Mediendominanz aufgrund ihrer Qualität gerechtfertigt ist. Inzwischen gibt es allerdings ernsthafte Konkurrenz durch Wahlbörsen und andere Methoden wie die hier verwendete Kombiprognose. Die PESM-Wahlbörse hat in den letzten 13 Jahren in 67% der Einzelvergleiche besser abgeschnitten als Umfragen. Das häufig gebrauchte Argument, dass Wahlbörsen nur den Umfragen hinterherlaufen würden, stimmt-wie man beim Verlauf dieser Wahl sieht- nur teilweise. Wir erleben gerade bei der Einschätzung der FDP das Gegenteil. Während die PESM-Wahlbörse schon vom Start im Mai an die FDP bei 7% und darüber taxierte, verliefen die Prognosen der Umfrageinstitute anders. Vor etwa zwei Monaten lagen diese im Mittel noch bei 4%, vor einem Monat bei 5% und jetzt mehrheitlich bei 6%. Am Ende werden sie wohl ebenfalls bei 7% landen. Noch interessanter wird es bei der Bewertung für die AfD sein.

So wie hier beschrieben, werden sich häufig Umfragen und Wahlbörsen aufeinander zubewegen, und es wird spannend, wer am Ende vorn ist. Die Institute lernen natürlich auch dazu und werden nach den Erfahrungen bei der Landtagswahl in Niedersachsen jetzt in der letzten Woche ebenfalls Prognosen erstellen. Andererseits erschweren die hohe Anzahl von Nicht- und Wechselwählern sowie Kurzentscheidern und das Auftreten einer neuen, schwer einschätzbaren Partei die Voraussagen.

rabilein1

RE: Prognosys-Wahlanalysen von Prof. Dr. Walter Mohr

Von rabilein1 am 26.08.2013, 00:28 Uhr
#5
Die Wähler halten sich nicht immer an die statistischen Grenzen...*g*
Zu oft hat man das inzwischen in der Vergangenheit erlebt.


Die Wähler sind ja nicht dazu da, um sich an Statistiken zu halten.
Umgekehrt muss man sich allerdings fragen, was Statistiken taugen, die sich nicht an die Wähler halten.
Rubicon72

RE: Prognosys-Wahlanalysen von Prof. Dr. Walter Mohr

Von Rubicon72 am 26.08.2013, 18:38 Uhr
#6
Umfragen sind immer nur Momentaufnahmen einer Stimmungslage in der Grundgesamtheit, hinzu kommen diverse Fehlerquellen, die aber allesamt bereits hinreichend diskutiert wurden. Strenggenommen dürfte man seriöserweise nur Umfragen, die am Wahltag selbst entstanden sind, als "richtig", "gut" bzw. "schlecht" oder "falsch" bezeichnen...
rabilein1

RE: Prognosys-Wahlanalysen von Prof. Dr. Walter Mohr

Von rabilein1 am 27.08.2013, 10:41 Uhr
#7
Strenggenommen dürfte man seriöserweise nur Umfragen, die am Wahltag selbst entstanden sind, als "richtig", "gut" bzw. "schlecht" oder "falsch" bezeichnen...


Das ist richtig.
Das ist ähnlich wie damals das Fußballspiel Schweden gegen Deutschland 4:4
Es zählt nur das Endresultat. Dass Deutschland eine halbe Stunde vor Schluss noch 4:0 geführt hat und die Schweden mit einer sensationellen Aufholjagd ein Unentschieden geschafft haben ist unerheblich.

Und bei einer Wahl ist es genauso: Es ist völlig wurscht, wer HEUTE vorne liegt. Es zählt nur der 22. September.
ProfDrWalterMohr

Wahlbericht Nr.4 zur Bundestagswahl in Deutschland

Von ProfDrWalterMohr am 01.09.2013, 16:06 Uhr
#8

Prognosys-Master-Vote zur BTW vom 31.8.

CDU38,6%37,1%
SPD24,5%23,5%
Grüne12,4%12,4%
Linke7,4%7,0%
FDP5,9%6,1%
AfD4,6%7,2%
Piraten3,0%3,0%
Sonstige3,6%3,7%

In der ersten Spalte der Tabelle sind die Werte der kombinierten Prognose von prognosys-master-vote und als Vergleich dazu in der zweiten der Mittelwert der fünf Wahlbörsen angegeben.

Nach der Gesamtprognose ist der Wahlausgang völlig offen. Es würden nur die bisher im Bundestag vertretenen Parteien wieder den Einzug schaffen, wobei die AfD lediglich knapp scheitern würde. Die beiden Lager Schwarz/Gelb (44,5%) und Rot/Grün/Rot (44,3%) sind praktisch gleich stark. Im Vergleich zur Vorwoche haben sich SPD (+0,3%) und AfD (+0,3%) etwas verbessert sowie Grüne (-0,4%) und CDU (-0,3%) verschlechtert. Von den insgesamt 18 Einzelprognosen, die in die kombinierte Voraussage eingehen, zeigen nur vier einen hinreichend großen Vorsprung von mindestens 3% für eines der Lager. Pro Schwarz/Gelb sind es Forsa und ein statistisches Erklärungsmodell, während die beiden Wahlwetten von Spiegel-Online und einer Verlagsgruppe die Konkurrenz deutlich vorn sehen. Bei den übrigen 14 Methoden ist der Ausgang knapp.

Wenn nur die Ergebnisse der fünf Wahlbörsen betrachtet werden, liegt die AfD deutlich höher (+2,6%) und würde den Sprung ins neue Parlament schaffen, die CDU (-1,5%) hingegen niedriger. Bei den übrigen Parteien beträgt die Differenz höchstens 1%.

Innerhalb der Gruppe der Wahlbörsen ist die Handelsblatt-Wahlbörse ein statistischer Ausreißer, weil dort zurzeit die AfD auf etwa 17-20% geschätzt wird und dadurch die größeren Parteien deutlich niedriger bewertet werden. Würde man auf die Prognosen dieser Institution verzichten, läge der Kurs für die AfD in der Gesamtprognose bei 3,8% und bei den übrigen Wahlbörsen bei 4,7%. Die PESM-Wahlbörse zeigt die stärksten Abweichungen zur Gesamtprognose bei der CDU (-1,7%) und AfD (+1,4%). Die drei anderen Wahlbörsen, die mit Markteinschränkungen arbeiten, haben insbesondere hinsichtlich der AfD geringere Differenzen.

ProfDrWalterMohr

Wahlbörsen bei der BTW 2013

Von ProfDrWalterMohr am 01.09.2013, 16:16 Uhr
#9

Es soll jetzt näher auf die fünf Wahlbörsen eingegangen werden, die unseres Wissens zurzeit bei der Bundestagswahl eingesetzt werden.

Schon gleich zu Jahresbeginn startete die für alle offene Wahlbörse beim Handelsblatt. Bis Anfang April war die AfD dort nicht separat ausgewiesen. Nach ihrer Einführung stieg diese neue Partei zeitweilig auf schwindelerregende Kurse um 30%. Aktuell stehen die Voraussagen mit 17-20% immer noch extrem über den Werten der anderen Methoden. Es sind dort etwa 3300 Teilnehmer eingetragen, von denen jedoch höchstens ein Viertel aktiv sind. Diese Wahlbörse erzeugt zwar Medienrummel, ist so aber nicht valide.

Als Zweite kam die PESM-Wahlbörse im Mai dazu. Sie hat jetzt 250 Teilnehmer und ist der einzige Markt, auf dem mit Echtgeld gespielt wird. Auch diese Börse ist für alle offen. Hier lag der Kurs für die AfD fast von Anfang an über 5%.

Offensichtlich zeigten sich die anderen Anbieter von Wahlbörsen dadurch irritiert und starteten erst später und mit deutlichen Vorsichtsmaßnahmen. Ende Juni legte Wahlfieber, die etablierte österreichische Wahlbörse, eine interessante Variante auf. Während Handelsblatt und prognosys standardmäßig alle Parteien gemeinsam in einem Markt aufführen, hat sich Wahlfieber aus Sicherheitsgründen entschieden, dafür drei Teilmärkte anzusetzen. CDU, SPD und Grüne sind im ersten, sowie die kleineren Parteien, die schon einmal im Bundestag vertreten waren, wie FDP, Linke und CSU im zweiten. Der dritte Markt enthält Parteien, die bisher noch nicht im Bundestag waren, wie Piraten und AfD. Insgesamt sind dort aktuell zwischen 80 und 110 Spieler beteiligt.

Wahlfieber führte gleichzeitig einen geschlossenen Markt mit allen Parteien für 30 ausgesuchte Spieler ein. Schließlich kam Anfang August die Wahlbörse von Politikprognosen mit einem ganz ähnlichen geschlossenen Markt dazu, an dem etwa 30 Politikexperten teilnehmen. Durch die Selektion auf vertrauenswürdige, kundige Teilnehmer kann man das Risiko extremer Kursausschläge und Manipulationen weitgehend vermeiden. Gleichzeitig kann wohl auch ein gutes Ergebnis erwartet werden.

Der Ausgang der Bundestagswahl und damit die Prognosegüte der unterschiedlichen Wahlbörsenkonzepte wird zeigen, ob der Mut zu einem öffentlich zugänglichen Markt belohnt wird oder ob man künftig veranlasst sein wird, stärkere Restriktionen durchzuführen, weil die Spielfreiheit von bestimmten Gruppen für ihre Zwecke ausgenutzt wird. Diese Schwierigkeiten könnten den Wahlbörsen gerade jetzt schaden, da sich bei dieser Bundestagswahl zeigen sollte, dass sie eine gleichwertige Konkurrenz zu den Umfrageinstituten sind.

ProfDrWalterMohr

Wahlbörsen und Schwarmintelligenz

Von ProfDrWalterMohr am 01.09.2013, 16:29 Uhr
#10

Zur Schwarmintelligenz im allgemeinen gibt es u.a. zwei lesenswerte Bücher, und zwar den Klassiker von James Surowiecki (Die Weisheit der Vielen, 2005) und ein neueres Buch von Len Fisher (Schwarmintelligenz, 2010).

Diese Schwarmintelligenz wird oft als Hauptgrund für den Erfolg von Wahlbörsen genannt. Deshalb sollen hier kurz einige wichtige Voraussetzungen diskutiert werden, die für deren Entfaltung im Zusammenhang mit Wahlbörsen wichtig sind. Zusätzlich werden Erfahrungen eingebunden, die prognosys bei der Durchführung von Wahlbörsen in den letzten 13 Jahren gesammelt hat.

Eine erste Bedingung beinhaltet, dass alle Teilnehmer dieselbe Frage beantworten müssen und dass es darauf eine richtige Antwort gibt. Es geht bei einer Wahlbörse in der Regel um das Problem, die Prozentanteile bestimmter Parteien bei einer Wahl vorauszusagen. Das endgültige, amtliche Wahlergebnis ist die entsprechende richtige Antwort.

Zweitens müssen die Teilnehmer hinreichend gut informiert sein. Diese Informationen können Berichte in den Medien sein, insbesondere auch Umfragen und die Werte anderer Prognosetechniken. Ferner bringt jeder Spieler Kenntnisse aus seinem Umfeld und individuelle Erfahrungen mit. Das Diskussionsforum in einer Wahlbörse dient ebenfalls zum Austausch von Informationen und Debatten. Ferner sollten in einer Wahlbörse übersichtliche Statistiken in Form von Tabellen und Grafiken angeboten werden.

Drittens müssen die Teilnehmer ihre Entscheidungen möglichst unabhängig voneinander treffen. Gruppenabsprachen sind daher nicht gestattet. Diese wichtige Voraussetzung ist nicht immer zu erfüllen.

Für den Erfolg einer Wahlbörse ist viertens die Motivation der Spieler wichtig, weil man damit eine Gruppe von Stammspielern binden kann. Eine von uns durchgeführte Befragung bei Teilnehmern hat hinsichtlich der wichtigsten Motive folgende Reihenfolge erbracht: Spielfreude, politisches Interesse, Ehrgeiz (Ranglistenplatzierung), Unterstützung von Parteien und Gewinne.

Objektivität der Teilnehmer ist die fünfte Voraussetzung. Dieses kann die entscheidende Schwäche einer Wahlbörse werden. Der größte Teil der Spieler handelt nach Renditegesichtspunkten wie an der richtigen Börse. Aber es treten auch immer wieder übermotivierte Parteifans auf. Wenn diese Gruppen über alle Parteien hinweg ungefähr gleichmäßig verteilt sind, ist es meist nicht gefährlich. Sollten allerdings die Ultras , d.h.-was die Spielweise betrifft-extreme Teilnehmer von einer Partei in der deutlichen Mehrheit sein, dann kann die Wahlbörse aus dem Gleichgewicht geraten und ein schlechtes Ergebnis abliefern. Um solche Situationen einzugrenzen, müssen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Dabei geht es, wie in der Gesellschaft, um die Balance zwischen Freiheit und Reglementierung. Die PESM-Wahlbörse ist wohl die einzige, die mit Echtgeldeinsatz spielt, um die Teilnehmer zu mehr Sorgfalt zu veranlassen. Ein durchaus sinnvoller, höherer Einheitsbetrag würde allerdings Konflikte mit dem Glücksspielgesetz heraufbeschwören. Ferner kann man u.a. Sperren verhängen oder geschlossene Märkte oder separierte Teilmärkte anbieten.

Zum Schluss dieser Ausführungen noch einige Erfahrungen, die prognosys bei der langjährigen Durchführung von Wahlbörsen gemacht hat.

Die Dauer einer Wahlbörse hat praktisch keinen Einfluss auf die Prognosequalität. Drei Monate haben sich bei uns als gute Zeitspanne erwiesen.

Häufig tritt eine Verbesserung der Prognosegüte in der letzten Woche ein, insbesondere wenn die Teilnehmer ein Gespür für das Finale (last swing) haben. Trotz des guten Gesamtergebnisses bei der letzten Landtagswahl in Niedersachsen ist es dort in dieser Hinsicht schief gegangen.

In vielen Wahlbörsen werden anfangs aus Renditegründen die kleineren Parteien mehr beachtet und bisweilen überbewertet. Die größeren Parteien finden hingegen erst am Ende stärkere Beachtung.

Wahlbörsen sollten auch die Knackpunkte einer Wahl sichtbar machen. Bei dieser Bundestagswahl ist es z.B. die Unsicherheit in der Einschätzung der neuen Partei AfD.

Schließlich sollten genügend aktive Teilnehmer mitspielen. Dabei reichen bisweilen 50 Personen, wenn man ein gutes Stammpublikum hat und interessierte Neulinge dazukommen. Die Güte der Wahlprognosen hängt auch von der Mischung aus bestimmten Händlertypen ab. Wichtig sind erstens solche, die versuchen, die Differenz zwischen der Angebots- und Nachfragseite möglichst klein zu halten. Zweitens braucht man Spieler, die viel Marktverständnis haben und Trends als Reaktion auf politische Ereignisse setzen können. Außerdem sollte der Spielerkreis möglichst heterogen sein.

Natürlich sollte ebenfalls eine stabile technische Plattform vorhanden sein. Bedienung und Regeln müssen zudem einfach und klar sein. Schließlich ist ein gewisses Vertrauensverhältnis, was Kritik einschließt, zwischen dem Anbieter einer Wahlbörse und den Mitspielern anzustreben, weil sich das für beide Seiten auszahlt.

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